Getriebenheit, Muss ein richtiger Künstler hungern ?
Gerade habe ich einen Kommentar eines lieben Künstlerkollegen im Internet gelesen. Er vertrat die Meinung, dass ein Mensch, der für seine Kunst nicht auf einen anderen Beruf verzichtet, und damit seine Kunst zum Mittelpunkt seines beruflichen Schaffens macht, die Bezeichnung Künstler nicht „verdient“, weil er nicht „getrieben“ genug ist. Ein richtiger Künstler macht nix anderes, punkt. Rainer Maria Rilke war Jahrelang als Sekretär von Auguste Rodin beschäftigt. War er damit kein richtiger Dichter?
Künstler, die ihre Profession hauptberuflich betreiben, verdienen in Deutschland im Schnitt 400 Euro im Monat. Ich nehme an, dass ein Mensch, der 400 Euro im Monat zur Verfügung hat, ziemlich getrieben ist. Vor Hunger, und weil er sich keine Mietwohnung leisten kann. Künstler, die es noch nicht in die teuren Galerien geschafft haben, werden im Allgemeinen einen Job annehmen müssen, um sich über Wasser zu halten. Oder sich einen reichen Mäzen bzw. Ehemann/Ehefrau suchen müssen, der ihn aushält. Ich weiß nicht, ob eine solche Abhängigkeit für die Kreativität förderlich ist. Auch ist eine Existenz ohne Krankenversicherung und ohne Absicherung im Falle eines Unfalls oder im Alter vielleicht mit der Glorie der künstlerischen Unabhängigkeit umgeben, aber diese Glorie ist nur für Außenstehende angenehm. Wie sagte ein Bekannter so zutreffend: „Künstler sein und so, dass klingt echt cool, aber es wirklich durchziehen, dass ist echt scheiße.“ Dies gilt übrigens für die meisten Professionen außerhalb der abgetretenen Pfade. Fakt ist, dass Brot auf den Tisch muss, Arztrechnungen bezahlt werden müssen, geplatzte Abflussrohre geflickt, und ein Wintermantel her muss, wenn er gebraucht wird. Außerdem kosten Materialien, Leinwände, Farben, Pinsel und Papier Geld, ganz zu Schweigen von Katalogen, Präsentationsmappen oder Drucke. Werbung in eigener Sache kostet Geld. Und von 400 Euro im Monat kann man sie nicht finanzieren. Natürlich kann man Abhilfe durch Stipendien oder Wettbewerbe schaffen, die Plätze sind begehrt, die Konkurrenz groß.
Ich denke man sollte einen Künstler an dem messen sollte, was er schafft, und nicht an den Umständen, in denen er lebt, oder wie weit er den Mund aufreißt. Nicht wer er ist zählt, nicht was er sagt, nicht was er tut, nur das was er schafft. Und das ist der Unterschied zu „normalen“ Menschen.
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